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outdoorguide Ausgabe Sommer 2010

Erschienen im "outdoorguide" vom Sommer 2010
Text: Peter Bader,

«Erlebnisse, die sich ins Hirn einbrennen»

Früher war Lukas Stöckli ein erfolgreicher Mountainbike-Profi. Heute bietet er geführte Touren für ambitionierte Biker an. Geblieben ist die Lust auf «Erlebnisse, die sich ins Hirn einbrennen» und eine unbändige Leidenschaft: für den Sport, die Natur und die Dinge dazwischen.

«Ich spürte dieses Kribbeln im Bauch. Diese spezielle Spannung baute sich auf, wie immer, wenn ich eine neue Tour erkunde: Was erwartet mich? Kann ich alles fahren? Finde ich den Weg? Funktioniert der Plan, den ich mir aufgrund der Karte zurechtgelegt habe? Die Prealpis waren und sind für Biker ein nahezu weisser Fleck auf der Landkarte. Das machte die Herausforderung zum Rekognoszieren einer neuen Wochen-Tour noch viel spannender. Vom Lago Maggiore bis ins Valle Maira wollte ich einen Bogen spannen. Auf solchen Fahrten bin ich ganz bei mir selber, ist jedes Bild neu, wenn ich um eine Kurve fahre. Ganz früh am Morgen fuhr ich also los, immerhin hatte ich am ersten Tag rund 4'000 Höhenmeter zu überwinden. Mit den ersten Sonnenstrahlen erreichte ich den Gipfel des ersten Bergs. Zu meinen Füssen, auf der ganzen Weite der Po-Ebene, erstreckte sich ein fantastisches Nebelmeer. Bis zum Horizont. Weit im Süden war bereits der Monviso zu erkennen. Ich stand da und spürte in mir ein Gefühl, das ich fast nicht beschreiben kann. Sagen wir einfach mal: Mir wurde warm ums Herz. Ich erlebte einen jener Momente, die sich im Hirn einbrennen. Die man ein Leben lang mit sich trägt. Ich bin nicht nur auf dem Moutainbike ein glücklicher Mensch, aber dort ganz besonders: Wenn mich ein Trail fordert, wenn ich meinen Körper bis in die letzte Faser spüre, wenn Koordination, Konzentration, Fahrtechnik und Material zu einem Ganzen verschmelzen und mich atemberaubende Natur umgibt – dann erlebe ich den berühmten Flow. Das ist meine Form der Meditation!»

Hoch über dem Nebelmeer stand Lukas Stöckli vor einem Jahr. Jetzt erzählt er davon am Esstisch in seinem Haus in Stans. Und hat dabei Tränen in den Augen. Das ist nicht kitschig. Das ist echt. Das wird im Gespräch schnell klar. Man erinnert sich auch an das, was outdoor-guide-Herausgeber Jürg Buschor, selber ein passionierter Mountainbiker, gesagt hat: Er habe selten einen Menschen mit einem «derart ausgeprägten Bewegungsdrang» getroffen.

Die Brüder: Der eine geht, der andere kommt...
Den hat der 38-Jährige in den letzten Jahren ausgiebig ausgelebt: Er fuhr etwa mit dem Bike in 22 Tagen quer durch die Alpen von Wien nach Nizza: 144 Pässe, 2 882 Kilometer, 92 989 Höhenmeter. Als «Gipfelstürmer» überwand er in sieben Tagen 23 Pässe mit insgesamt 31 500 Höhenmetern und befuhr dabei als erster Biker einen Alpen-4000er. Damit eröffnete er die «extremste und härteste Biketour der Alpen». Sie führte ihn von Montreux nach Lugano, wobei er jeden Tag während über 10 Stunden auf steilsten Trails die Grenzen des noch Fahrbaren auslotete. Zuvor war er während 10 Jahren lizenzierter Fahrer gewesen, fünf davon als Mitglied der Nationalmannschaft. Dabei lebte er zeitweise als Profi vom Wettkampfsport. In dieser Phase war er einer der besten Schweizer Mountainbiker.

Ehrgeiz und Leidenschaft waren schon immer da. Als Bub hat er mit den Kollegen im Stanser Quartier in jeder freien Minute Fussball gespielt. Für den 10-jährigen Lukas waren die Fussball-Weltmeisterschaften 1982 in Spanien eine ganz grosse Geschichte. Die Eltern hatten ein Ferienhaus am unteren Ende des Lago Maggiore und der kleine Lukas war im Italien-Fieber: Die Squadra Azzura gewann den Titel, Paolo Rossi wurde Torschützenkönig und dessen Dress mit der Nummer 20 trug Lukas mit geschwellter Brust: «Es war ein echtes mit aufgenähtem Wappen, keine billige Kopie», sagt er und lacht. Die nächste Leidenschaft hiess Karate: An einer Demo-Veranstaltung lernte er die Kampfsportart kennen, trainierte bis zu dreimal in der Woche («Ohne Körper-Kontakt, bei den Auseinandersetzungen hatte ich immer Angst»). Sein damaliger Trainer lehrte ihn Härte gegen sich selber, was ihm später als Mountainbiker sehr geholfen habe.

Die Passion fürs Fahrrad hat sich in dieser Zeit auf leisen Sohlen in sein Leben geschlichen. Erst unternahm er kleine Touren in der Innerschweiz, später fuhr er mit dem Fahrrad auch schon mal ins Ferienhaus nach Italien.

Mit 16 bestieg er dann erstmals eines dieser, «für die damalige Zeit völlig neuartigen Fahrräder» und wurde mit der «aufregenden Trend-Sportart» gross. Das Mountainbike war schliesslich genau das, wonach er immer gesucht hatte: Es vereint seine unstillbare Lust auf Bewegung mit der grossen Liebe zur Natur. Letztere hat ihm sein Vater mit auf den Weg gegeben. Fragt man ihn, was er von seiner Mutter hat, muss er einen Moment überlegen. Sie sei eher der spontane Genuss-Mensch, «der die Feste feiert, wie sie fallen.» Diese Lockerheit habe er nicht geerbt, einen Rausch habe er in seinem ganzen Leben noch nie gehabt. «Die richtig unvernünftigen Dinge mache ich nur im Sport», schmunzelt er. Sein jüngerer Bruder Ueli, heute ein vielbeschäftigter Grafiker («der Ehrgeiz verbindet uns»), scheint sich in dieser Beziehung mehr von der Mutter abgeschaut zu haben: Wenn Lukas damals frühmorgens zu einer Mountainbike-Tour aufbrach, kam Ueli von der Fasnacht oder einer Zürcher Techno-Party nachhause.

Das Schlüsselerlebnis in Argentinien...
Lukas aber ging in seiner neuen Welt völlig auf. Schon bald bildete sich in Stans eine kleine Mountainbike-Szene. Er traf Menschen, die das «Heu einfach auf der gleichen Bühne haben wie ich» – die sich ehrgeizige Ziele setzen, die mit dem Mountainbike verrückte Dinge anstellen («Wenn mir eine Spitzkehre bergauf gelingt, ist das auch heute noch ein geiles Gefühl»), die die Natur auf dem Sattel bis in die hintersten Winkel erkunden wollen. Er lernte im elterlichen Betrieb zwar das Handwerk des Kirchenvergolders, aber der Weg in den Profi-Sport war vorgezeichnet. Die Karriere verlief wie erwähnt ziemlich erfolgreich, «in dieser Zeit», erinnert sich Stöckli, «gab es für mich kaum etwas anderes als das Mountainbike und die sportliche Leistung.»

Bis ins Jahr 2000. Und da passierte es an einem Strassenrennen in Argentinien. Die Olympischen Sommerspiele in Sydney standen auf dem Programm, die Hoffnung auf eine Teilnahme trieben Lukas Stöckli zu einer noch intensiveren Vorbereitung als sonst an. Aber dann kam es zum Crash. Im wahrsten Sinn des Wortes. Ein Fahrer aus dem Feld wurde auf den argentinischen Strassen von einem LKW überfahren und Lukas Stöckli «fiel aus einem Traum», wie er sich heute erinnert. Die Saison verlief zwar «ansprechend», für eine Teilnahme am olympischen Gipfel reichte es trotzdem nicht. Lukas Stöckli stellte sich plötzlich ganz andere Fragen: Kann das alles sein? Lohnt es sich, dafür sein Leben aufs Spiel zu setzen? Will ich weiterhin einen Sport betreiben, in dem sich Menschen dopen, den Wettbewerb verzerren und dabei ihre eigene Gesundheit riskieren?

Was er tut, muss Tiefe haben
Seine Antwort war nein. Am Ende der Saison war Schluss. Von der Wettkampfzeit zeugen in seinem Haus nur noch zwei Preise: die Holzschale für den Junioren-Schweizermeister oben im Büro und der Pokal für den Gewinner des Swiss-Cups unten im Materialraum.

Nun müsste man meinen, dass er nach dem Wegfall des Wettkampfsports in eine grosse Sinnkrise fiel. Tat er aber nicht. Natürlich fiel ihm der Abschied schwer. Aber Lukas Stöckli ist ein leidenschaftlicher Mensch. Und das gilt nicht nur für den Sport. Was er tut, sagt er, muss Tiefe haben. Muss den ganzen Menschen ansprechen, seine Seele, seinen Körper, seinen Geist, seine Gefühle. Das gilt also auch für seine zweite grosse Passion: das Handwerk des Kirchenvergolders. Er liess sich während eines Jahres an der europaweit einzigen Schule in München zum Kirchenmalermeister ausbilden und investierte dabei genauso viel Energie und Ehrgeiz wie zuvor im Profi-Rennsport. In dieser Zeit bestieg er das Fahrrad nur für die Fahrt zum Bahnhof und zurück.

Für die Restauration von Kirchen allerdings ist es heute schwer, Geld aufzutreiben. Und so gibt es auch nur eine Handvoll Betriebe, die davon mehr schlecht als recht leben können. Also besann er sich wieder auf das Mountainbike. Als Touren-Guide für ambitionierte Biker, Leiter von Camps und im Bereich der Dokumentation von Mountainbike-Strecken für die Singletrail Map.

Vieles wurde anders, geblieben war einzig das harte Training. Denn fit muss und will er bleiben. Wenn er eine Tour leite, müsse er der fitteste der ganzen Truppe sein. Angesichts der ambitionierten Teilnehmer sei das gar nicht so einfach. «Aber ich muss zu jeder Zeit den Überblick haben, das Wetter beobachten, für die Sicherheit sorgen – da darf ich mich nicht mit meinem Körper beschäftigen.»

Glücksgefühle statt Leere im Kopf
Das Training sieht heute aber zum Beispiel so aus: mit dem Mountainbike und der Skitourenausrüstung auf dem Rucksack nach Niederrickenbach (1162). Von hier mit den Touren-Skis weiter auf den Brisen (2404) nach einer genussvollen Abfahrt geht es dann mit dem Bike wieder nach Hause. Das sei zwar eine anstrengende, aber vielseitige Tour. Zudem sei gerade das Training auf Tourenskis ideal für Mountainbiker, weil die Belastung eine ähnliche sei, man die Pulsfrequenzen steuern und erst noch – wie mit dem Bike – runterfahren könne. Oder: Fährt er am Jochpass oder am Ächerli, dann absolviert er berghoch auf den Singletrails ein «natürliches Intervalltraining». Verglichen mit einer achtstündigen «Kilometer-Fresserei auf der Strasse» während seinen Profi-Zeiten seien solche Trainings eine wahre Wohltat: «Wenn man von der Strasse nachhause kommt, war ich ausgelaugt und leer im Kopf. Wenn ich nach einer Ski-Mountainbike-Tour nachhause komme, verspüre ich ein Glücksgefühl in mir.»

Was nichts anderes heisst: In den Profi-Jahren hatte er langsam den Spass an der Sache verloren, die körperliche Ertüchtigung war zum Selbstzweck geworden. Wer aber den Kopf nicht mittrainiere, könne irgendwann auch nicht mehr seine optimale Leistung bringen, ist Lukas Stöckli überzeugt.

Er hat daraus gelernt. Mit erstaunlichem Erfolg. Als er rund 3 Jahre nach seinem Rücktritt dazu überredet wurde, noch einmal an einem Weltcup-Marathon teilzunehmen, war er fit. Sehr, sehr fit. Er nahm im ersten Anstieg den Besten der Branche mehr als eine Minute ab. Durch einen Rad-Defekt in der Abfahrt fiel er auf den immer noch erstaunlichen neunten Platz zurück.

Indes: Das war für ihn nicht das Signal zu einem Wiedereinstieg in den Wettkampfsport. Er wollte nicht mehr gegen Zeit und Konkurrenten fahren. Natürlich blieb der Ehrgeiz für extreme sportliche Leistungen. Alpenquerung- und Gipfelstürmer-Projekt zeugen davon. Ein weiteres solches «Extrem-Projekt» ist derzeit in Planung, aber noch nicht spruchreif. Gleichzeitig baute er sich mit der Dokumentation von Trails im Winter und dem Leiten von Touren und Camps im Sommer ein neues Berufsleben auf. Dass er letzteres für ambitionierte Mountainbiker anbietet, hat vor allem auch wegen seinem eigenen Verständnis des Sports zu tun.

Der Sture mit dem grossen Herzen...
Wenn er eine Gruppe durch die Natur führt, geht es ihm aber nicht nur um die sportliche Leistung. Sondern auch um die Vermittlung von Kultur und Geschichte. Diese Zusammenhänge zu ergründen, betreibt er mit der gleichen Akribie und Leidenschaft. Niemand weiss das besser, als seine Frau Jolanda («Ohne sie könnte ich meine Träume gar nicht verwirklichen»), die ihn seit rund 10 Jahren kennt. Sie sagt: «Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt und minutiös geplant hat, hält er daran fest und zieht es durch – ohne Wenn und Aber.» Was nach unangenehmer Sturheit klingt, ist für die ausgebildete Physiotherapeutin mit eigener Praxis meist «wohltuende Verlässslichkeit». Was sie sonst noch an ihm schätzt: seine Begeisterungsfähigkeit und sein grosses Herz. Was sie stört: «Er ist ja viel auf Achse. Wenn er dann zuhause ist und ich auch mal raus will, um für mich Sport zu treiben, birgt das ein gewisses Konfliktpotenzial.»

Viel Zeit verbringt er mit seinen beiden Buben Tim (8) und Tino (5). Er will sie in ihrer Freude an der Bewegung unterstützen und ihnen «schöne Elebnisse in der Natur» ermöglichen. Damit sie dereinst vielleicht auch mal hoch über einem Nebelmeer stehen und ihnen so richtig warm ums Herz wird.


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